Bilder mit Hebelwirkung

Barbara Klemm bannte Zeitgeschichte auf Fotos, die nun im Dresdner Leonhardi-Museum zu sehen sind.

Bundeskanzler Kohl in Dresden, 19.12.1989.
Bundeskanzler Kohl in Dresden, 19.12.1989. © Leonhardi-Museum Dresden, Barbara Klemm

Von Siiri Klose

Im Berufsbereich der Rohstoffgewinnung und -verarbeitung liegt der Frauenanteil bei elf Prozent – sämtliche Keramikerinnen mitgezählt. So weit, so langweilig. Umso beglückender ein Foto, das Barbara Klemm 1971 im polnischen Kattowitze aufgenommen hat: Drei Frauen stemmen mit der Hebel-wirkung zweier Baumstämme einen beladenen Kohlewaggon aufs Gleis. Jede von ihnen scheint doppelt so viel Platz einzunehmen wie der Mann, der vom Rand her zusieht. „Arbeiterinnen im Bergbau“ hat Klemm das Bild betitelt. Nimm das, Berufe-Statistik!

Als die Karlsbrücke noch den Pragern gehörte

Im Dezember wurde Barbara Klemm 80 Jahre. Anlass genug für das Leonhardi-Museum, die Ausstellung „OSTEN – Bilder aus Osteuropa und der DDR“ zu zeigen. Die präsentierten Aufnahmen entstanden von 1970 bis 2005, als Klemm als Redaktionsfotografin für die FAZ arbeitete. Das Blatt setzte bis 2007 auf Schwarz-Weiß. In diesem Spektrum bannte auch Klemm die ikonografischen Momente des Zeitenlaufs auf Kleinbildfilme. Sie erzählen von einer Zeit, als die Karlsbrücke noch den Pragern gehörte, und von einer Zeit, als das Analoge noch half, wunderbare Strategien zu improvisieren: Als Barbara Klemm Helmut Kohls Dresden-Besuch am 19. Dezember 1989 bis nach Einbruch der Dunkelheit dokumentierte, suchte sie danach auf dem Hauptbahnhof nach Passagieren, die den letzten Zug nach Frankfurt/M. nehmen wollten, gab ihnen die Filmrolle mit Bitte um Ablieferung in der FAZ-Redaktion mit – und konnte es am nächsten Tag gedruckt in der Zeitung sehen.

Die Ausstellung von Barbara Klemm, "Osten – Bilder aus Osteuropa & der DDR", läuft bis zum 1. März, Di-Fr 14-18 Uhr, Sa, So 10-18 Uhr im Dresdner Leonhardi-Museum, Grundstr. 26. Der Eintritt kostet 4, ermäßigt 2,50 Euro.